Ich über mich

Ängstlich, vermeidende Persönlichkeit(sstörung)

Ich, männlich mit Jahrgang 1962, stamme aus einer einfachen Familie aus der Region Innerschweiz. Ich durfte in einem intakten Umfeld aufwachsen und hatte, wie man so schön sagt, eine glückliche Kindheit. Gerne blicke ich auf die Schul- und Lehrzeit zurück. Diese fiel mir eher leicht und die Noten waren dementsprechend gut. Ich war und bin seit meiner Jugend in Vereinen engagiert und hatte daher stehts einen zwar kleinen, aber feinen Freundeskreis. Die These, dass meine ängstlich, vermeidende Persönlichkeit(sstörung) auf eine Zurückweisung und Abwertung durch Eltern, Freunde oder sonstige nahestehende Personen zurückzuführen ist, kann ich in keiner Art und Weise bestätigen. Vielmehr denke ich, dass genetische Faktoren dafür verantwortlich sind.

 

Wie zeigte sich in meinem Fall die ängstlich, vermeidende Persönlichkeit(sstörug)? Wie bereits gesagt, hatte ich während meiner Kindheit nicht den Eindruck, anders als meine Schulkollegen zu sein. Ich war vielleicht etwas ruhiger, aber dies waren andere auch. Rückwirkend betrachtend denke ich, dass ich erstmals ernsthaft während meiner Lehrzeit im Alter von 17 Jahren unter den Symptomen gelitten habe. Während meiner Ausbildung bekam ich die Möglichkeit, mit mir unbekannten Berufskollegen während zweier Wochen Mittelamerika zu bereisen. Verlief die Reise anfänglich gut, so hatte ich doch mit jedem Tag mehr den Eindruck, der Gruppe nicht zu genügen. Kamen sich andere näher, so fühlte ich mich je länger je mehr unwohl und sehnte dem Ende der Reise entgegen. Aus meiner Sicht genügte ich der Gruppe nicht, hatte das Gefühl, dass man über mich sprach. Meine Gedanken drehten sich nur noch um dieses Problem und ich wurde sehr schweigsam. Dies verschlimmerte die Situation aus meiner Sicht noch zusätzlich. Ich verstand die Welt nicht mehr und auch Tage und Wochen nach der Rückkehr dachte ich noch oft an die vermeintlichen peinlichen Situationen. Mein Selbstwertgefühl war am Boden und kehrte erst wieder langsam zurück, nachdem ich mich wieder im geschützten und bekannten beruflichen und privaten Umfeld befand.

Diese Erfahrung war für mich umso erstaunlicher, da ich grundsätzlich keine Mühe habe, mich unter Menschen zu begeben. Auch beginne ich nicht zu stottern oder werde rot, wenn ich vor einer Menschenmenge auftreten muss. Bin ich in einem Projektteam, so vertrete ich meine Meinung und bringe meine Argumente auf den Tisch.

 

Wo also liegt das Problem? Seit meiner Reise nach Mittelamerika sind viele Jahre vergangen und ich denke, dass ich mich aufgrund der Erfahrungen seither sehr gut kennengelernt habe. So weiss ich heute, dass ich nicht generell Angst vor Personen habe (soziale Phobie). Solange mir die Personen fremd sind oder sich der Kontakt auf berufliche Themen beschränkt, fühle ich mich wohl. Mühe bereiten mir jedoch berufliche oder private gesellschaftliche Anlässe, bei welchen mehrere Personen anwesend sind und eine Small-Talk-Atmosphäre herrscht. Im Wissen, dass ich mich davor nicht verschliessen darf, stelle ich mich diesen Situationen. Fühle ich mich wohl, kann ich die Treffen richtig geniessen, denn von Grund aus bin ich gerne unter Menschen. Wird jedoch an solch einem Treffen eine Äusserung gemacht, die ich als persönliche Kritik betrachten könnte, braucht es nicht viel und ich werde wieder zur ängstlich, vermeidende Persönlichkeit. Auch nach all den Jahren schlimm sind mehrtägige Reisen mit anderen Personen. Ausserhalb meiner Familie und meinem engsten Umfeld ist dies praktisch nicht möglich. In diesem Falle treten die bekannten Symptome wie Minderwertigkeitsgefühle, Gehemmtheit oder Übersensibilität vor negativer Beurteilung zu Tage. Solche Situationen vermeide ich daher soweit dies möglich ist.

Doch nun das Gute! Es lässt sich damit leben, sogar gut leben. Nicht beurteilen kann ich, wie stark ich von der ängstlich, vermeidenden Persönlichkeitsstörung betroffen bin. Ich kann mir aber durchaus vorstellen, dass es Personen gibt, die stärker unter den Symptomen oder unter mehreren Persönlichkeitsstörungen leiden. Nachdem ich mir mit über 50 Jahren endlich bewusst wurde, worunter ich leide und dass ich kein Einzelfall bin, ging es mir viel besser. Erstaunlicherweise habe ich feststellen können, dass mir die Kontaktaufnahmen und Gespräche einfacher fallen.

 

Gerne möchte ich dazu beitragen, dass auch andere ängstlich, vermeidende Persönlichkeiten diese Erfahrung machen können. Sei dies mit einem persönlichen Mail an mich, einem Beitrag im Forum oder beim Besuch einer der Treffen.

Wir können unsere ängstlich, vermeidende Persönlichkeit(sstörung) nicht wegbehandeln, aber wir können aus uns eine wirkliche Persönlichkeit machen! Wenn du willst, kannst du heute damit beginnen.

Ich wünsche dir alles Gute und viel Erfolg

Reto

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